Uetliberg

Wunderschöne Aussichten

Autor: Emil Egli

Ins Sihltal vorragende «Eggen» des Uto-Albiswalls, Uetliburg und Burg Manegg. (Stich vermutlich von J. M. Usteri, Zentralbibliothek Zürich).

Der Uetliberg überragte einst die vordringenden Linth- und Rheingletscher, bildete – grönländische Vision – eine Felsinsel, einen «Nunatak» im letztglazialen Eismeer.

Heute überragt er in Zürichs Panorama und prägnant in jedem Flugbild dunkel das Häusermeer der Stadt, das an seinem Ostfuss emporbrandet und im Norden ihn als Agglomerationsflut umgreift. Im unmittelbaren Gegensatz von naturlandschaftlichem Waldrücken und Weltstadt liegt die unübersehbar sich auswirkende Polarität von Ruhe und Reiz, von Hort und Geschäftigkeit, von sinnwahrender Nah-Erholungslandschaft und problemgeladener Menschendichte.

Der mächtige Albis-Uetlibergrücken hat die Bedeutung einer kulturgeographischen Barriere. Das wird offensichtlich durch vergleichenden Blick auf den östlich talflankierenden, milden Höhenzug des Zürichberg-Käferbergs mit dem eiszeitlich geprägten Gletscherüberlaufpass des Milchbucks.

Die breit einmodellierte Bresche war frühes Eingangstor dem Verkehr weit von Osten her und blieb kulturgeographischer Transfluenzpass dem ausgreifenden Entwicklungsstrom der Stadt. Während, «geschützt» durch den Albis-Uetlibergwall, das Knonaueramt lange, grossenteils bis in die Gegenwart, bäuerlich blieb, griff der industrialisierend-verstädternde Einfluss tief ins Glattal vor.

Das «Amt», mit gern beachteter ländlicher und historischer Kultur, liegt im Zivilisationsschatten des Bergrückens, ist von der «Agglomerations-Landwirtschaft», der «typisch zürcherischen Form der Landwirtschaft» (Armin Braun) kaum berührt. Von seinen 14 Gemeinden blieb die Hälfte bis 1960 oder 1970, Wettswil bis 1950, Kappel bis 1980 im oder unter dem Einwohnerstand von 1850. Demgegenüber zeigen alle Glattalsiedlungen hinter der flachen Milchbuckschwelle dauernd steigende Bevölkerungskurven mit schliesslich konjunkturell explosivem Aufschwung.

Vogelperspetive, Google Maps 2019

Mittelwerte der monatlichen und jährlichen Sonnenscheindauer in Stunden; zum Vergleich Station Zürich-Flughafen:

Uto-Kulm (871 m ü.M.)

1’752 Stunden

Monate im Detail
Januar: 80
Februar: 103
März: 130
April: 145
Mai: 200
Juni: 208
Juli: 239
August: 216
September: 168
Oktober: 122
November: 80
Dezember: 61

Uto-Kulm (871 m ü.M.)

1’752 Stunden

Monate im Detail
Januar: 80
Februar: 103
März: 130
April: 145
Mai: 200
Juni: 208
Juli: 239
August: 216
September: 168
Oktober: 122
November: 80
Dezember: 61

Uto-Kulm (871 m ü.M.)

1’752 Stunden

Monate im Detail
Januar: 80
Februar: 103
März: 130
April: 145
Mai: 200
Juni: 208
Juli: 239
August: 216
September: 168
Oktober: 122
November: 80
Dezember: 61
Die das glaziale Eismeer überragende Höhe des Berges, die Nähe und Tiefe der lokalen Erosionsbasis in den flankierenden Tälern der Sihl und der Reppisch setzten die Wasserkräfte in Bewegung. Mit Erosionskesseln und Schwemmkegeln haben die grossen erdgeschichtlichen Sanduhren dem Uetliberg die prägnanten geomorphologischen Züge vermittelt. Der vielfach bedingte reiche Wechsel des Bodenmaterials, die minuziöse Variation der Sonneneinstrahlung und des Mikroklimas boten der Biosphäre bunte Entwicklungsmöglichkeit. Elias Landolt schildert die entsprechende Fülle des botanischen Kompendiums nicht allein in fachlicher Strenge, sondern auch zum Gewinn der Freunde der scientia amabilis. Und die wiederum weitgehend entsprechende Insektenfülle machte der bereits erwähnte Ferdinand Keller lupeneifrig und beobachtungserzieherisch sicht- und fassbar. Dies allerdings zu Zeiten, da das Sammeln mit Botanisierbüchse und Schmetterlingsnetz noch nicht notwendigerweise verboten war. Wir kommen mit der Natur langsam in die Situation des Museumsbesuchers, dem nur das Schauen erlaubt ist – mit Freude und Gewinn in höherer Verantwortung.

Noch ist zu erwähnen, wie auch die Strömungen des Luftmeeres ein uetlibergeigenes Bild erkennen lassen. Fast scheint es, als würde unser Hausberg meteorologische Maximen in Frage stellen. Die schulübliche Klima- und Wetterkunde hat im landschaftlichen Relief Windseiten und Windschatten, hat Stauregen und Regenschatten, hat Luv und Lee einleuchtend zur Verfügung. Selbstverständlich greift generell, wie in jeder Regenkarte sichtbar, mit dem Albis ein Arm grosser Niederschlagsmengen vom Alpenrand bis ins Mittelland vor, aus den westlichen Winden abgefangen. Beachten wir aber die Jahressummen der Niederschläge (Mittelwerte 1901-1940) in einem Querprofil, das dem Uetliberg am nächsten liegt:

Westfuss Stallikon

560 m ü. M.

1160 mm

Albisrücken Medikon

750 m ü. M.

1240 mm

Ostfuss Oberleimbach

460 m ü. M.

1290 mm

Anstelle des zu erwartenden Regenschattens von Leimbach überrascht uns die grösste Regenmenge. Luv und Lee scheinen am Balderen-Uetlibergwall vertauscht. Werner Lüdi beobachtete zusammen mit Balthasar Stüssi während vierjährigen messenden Untersuchungen (1932-1934) im Albisgebiet, dass «bei regnerischer Witterung mit vorherrschendem Westwind» Sihlwald und Leimbach häufig Wind aus dem südlichen Sektor registrieren. Ein Teil des Luftstroms gegen das Plateau von Hirzel wird in das Sihltal hineinkanalisiert. Das geschieht auch mit «niedrig streichenden Wolken» in der «am stärksten frequentierten Gewitterstrasse der Schweiz», der «Voralpenstrasse». Aus dem «Durchpass von Hirzel zwischen Albishorn und dem Hohen Ron» greift eine Abzweigung nordwärts und bewirkt den «Sihltal-Gewitterzug». Und nun ist ein bildmarkantes Element an der Gestalt des Uetliberg-Albisrückens speziell zu beachten: die «Eggen», jene trennenden, schrägen Firste zwischen den Erosionskesseln. Ihre grosse Zahl prägt ganz besonders die Physiognomie des Uetlibergs und weckte die künstlerische Inspiration, auch der Kartographen. Allein die 25 000er Landeskarte verzeichnet von «Goldbrunnegg» bis «Buechenegg» (südlichere nicht mehr gezählt) neun entsprechende Namen auf der Ostseite und deren fünf, inbegriffen «Ofengüpf», westlich des Grates. Wo die «Eggen» etwas flacher als Schultern dominierend vorragen, waren sie einst, erstaunlich zahlreich, von bild- und landbeherrschenden Burgen gekrönt – Kulturpointen auf landschaftlichen Akzenten. So zeigt es eindrücklich der Stich, der J. M. Usteri zugeschrieben ist. Solche Rippen nun greifen quer in die Wind- und Sturmgasse des Sihltals -«Felsenegg, Manegg!» (Lüdi) – und bewirken lokale Regenschwellen, sekundäre Luvsituationen, Umkehr der generellen meteorologischen Regel, zum Beispiel bei Leimbach.

Die Kulturschichten, um die es in diesem Buch geht zeigen, wie der hochragende Uto Geschichte wirkte, eine auf erdgeschichtlichen Grundlagen erblühende Kulturgeschichte. In aller Kultur ist landschaftlicher Anruf und Antwort des Menschen zu erkennen.

Literaturhinweise:

  • E.Egli (1983): Land und Stadt im gemeinsamen Lebensraum. In: Konturen eines Kantons. Zürich
  • Dr. Gian Gensler, SMA: Hinweise und Datenvermittlung zur Sonnenscheindauer

Wir danken dem Orell Füssli Verlag, Zürich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im Internet. Die Beiträge sind in gekürzter Fassung wiedergegeben. Für die vollständigen Beiträge verweisen wir auf das Buch «Der Uetliberg », erschienen im Orell Füssli Verlag, Zürich. Copyright © 1984 by Orell Füssli Verlag, Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

Bildnachweis:

 

  • E.Baumann
  • Willy Furter
  • Laszlo Irmes
  • Max Pichler
  • Schweizerisches Landesmuseum
  • Stiftung f. d. Erforschung des Uetlibergs
  • Swissair Photo + Vermessungen AG
  • Sihltal Zürich Uetliberg Bahn SZU

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